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„ The eye of the orient” ANDRÉ ELBING ZUM ZWANZIGJÄHRIGEN (VOR-) BÜHNENJUBILÄUM
Wie hat alles angefangen?
Ich werde oft gefragt, wie ich zum orientalischen Tanz gekommen bin, und überhaupt dazu, ihn zu fotografieren. Dazu ist es ganz unvoreingenommen gekommen, ich hatte eine Begegnung mit meinem Nachbarn. Dessen Freundin war die Kostümdesignerin der Tänzerin Shahrazad. Er klopfte also eines Abends an meine Türe und bat mich um Hilfe. Es gehe um orientalische Shows, er sei leider kurzfristig nicht mehr verfügbar, ob ich da für ihn einspringen könne. Ich hatte zwar keine Ahnung, was er genau damit meinte, willigte aber nach kurzem Überlegen ein, ihm zu helfen und er sagte mir, er komme gleich heute Abend so ca. um 9 Uhr für eine Stunde vorbei, um mir alles zu erklären, was wichtig sei. Er kam um neun und ging aber erst morgens um vier. Denn das, was man über eine Show wissen muss und was man dazu alles braucht, lässt sich kaum innerhalb einer Stunde erklären. Außerdem ging es nicht nur um eine, sondern gleich um vier Shows, die organisiert werden wollten. Shahrazad, für die diese Shows zu organisieren waren, war zu der Zeit gerade für sechs Wochen auf Amerikatournee, und mein Nachbar musste am nächsten Tag in der Türkei seinen Militärdienst antreten - er fiel also für eine ganze Weile aus.
Da stand ich nun und musste mich mit tausend Dingen gleichzeitig beschäftigen. Zum Beispiel Plakate erstellen, denn die waren auch noch nicht fertig, Eintrittskarten drucken, mich um die Musik kümmern, Technik, Beleuchtung, zwei Säle mussten noch gefunden werden. Aber wenigstens waren schon zwei Säle angemietet und alle Künstler gebucht.
Ich unternahm dann meine ersten graphischen Gehversuche und entwarf Plakate. Damals gab es aber noch keine Computer wie heute, da hieß es Buchstaben aufrubbeln (Letra-Set), Schlagzeilen ausschneiden und aufkleben, noch einmal ausschneiden, verschieben und fotokopieren; und wenn man damit endlich fertig war, musste man das Ganze an eine Druckerei geben. Das gleiche Spiel dann noch einmal mit den Eintrittskarten. Ich erledigte alles nach bestem Wissen und Gewissen und es sind dann auch tatsächlich Zuschauer gekommen (lacht).
Shahrazad war aber auch in anderer Hinsicht meine Initialzündung, denn ich habe zuerst aus dokumentarischen Gründen von der ersten Veranstaltung Fotos gemacht, um festzuhalten, was ich so alles auf die Beine gestellt hatte. Shahrazad bekam dann natürlich auch die Bilder zu sehen und diese gefielen ihr und den anderen Tänzerinnen offenbar, denn sie fragte mich, ob ich beim nächsten Mal nicht auch wieder Fotos machen könnte. Ich habe nicht lange überlegt und zugesagt und beim nächsten Mal waren dann auch Gasttänzerinnen aus Düsseldorf dabei. Denen sagten meine Bilder ebenfalls zu und so wurde ich dann auch zu deren nächster Show nach Düsseldorf eingeladen. So zog das immer größere Kreise, zunächst im Großraum Köln und nicht lange danach in ganz Deutschland. Dann kam auch schnell das Ausland hinzu, sogar die USA mit Kalifornien, New Mexico, New York, Rhode Island usw., und heute bin ich so gut wie jedes Wochenende national und international unterwegs, um interessante große und auch kleine Shows im Bild festzuhalten. So sind mittlerweile ganz Europa sowie Nordafrika und Teile Asiens dazugekommen.
Was fasziniert dich nach zwanzig Jahren immer noch daran, orientalischen Tanz zu fotografieren?
Ich glaube, das ist zunächst die große Hingabe, welche die Tänzerinnen auf der Bühne zeigen, wie sie die Musik verinnerlichen, wie sie die Töne durch ihren Körper gleiten lassen, wenn sie mit ihrem Körper die Melodie visualisieren und sie auf der Bühne in wunderbaren Bewegungen und atemberaubenden Arrangements zusammenfügen. Wenn sich alles zusammen mit ihren Kostümen, ihren Farben, mit dem Licht, das auf der Bühne ja eine sehr wichtige Rolle spielt – also wenn dies alles sich zu einer Gesamtkomposition fügt. So etwas fängt nicht nur mich immer wieder aufs Neue, sondern auch die vielen begeisterten Zuschauer ein!
Ich kann eine Tänzerin auch immer wieder aufs Neue anschauen und bin immer noch von ihr fasziniert – vor allem, wenn sie immer wieder neue Kreationen auf der Bühne zeigt. Wenn sie es auch gut kann. Es gibt natürlich ebenso Tänzerinnen, bei denen man sich sagt: „Na gut, jetzt habe ich sie siebenmal in zwar immer wieder anderen Kostümen, aber mit dem immer gleichen tänzerischen Arrangement gesehen.“ Da wird es dann auch schon etwas schwierig, immer noch etwas neues Fotografisches herauszuholen.
Aber Gott sei Dank bilden diese Tänzerinnen nicht die Mehrheit, und vielleicht liegt es ja gerade an ihrer mangelnden Kreativität, dass man sie dann auch nach einer Weile nicht mehr sieht. Vielleicht sind sie auch noch nicht – oder schon nicht mehr – bereit oder in der Lage, ihre Stilrichtungen zu ändern. Aber es gibt ja erfreulicherweise viel neuen und frischen Nachwuchs. Mittlerweile haben wir ja schon die vierte oder fünfte Tänzerinnengeneration, bei denen bereits die Mütter und sogar die Großmütter getanzt haben, auch hier in Deutschland. Es ist auf jeden Fall faszinierend zu sehen, mit welcher Perfektion und Liebe sich diese jungen Tänzerinnen dem orientalischen Tanz widmen. Der ist wirklich zum Bestandteil ihres Lebens geworden. Da kann ich nur sagen: Hut ab. Ich habe großen Respekt vor diesen Tänzerinnen. Die sollten auf jeden Fall genau so weitermachen, mit Liebe und Hingabe den orientalischen Tanz fortzuführen und irgendwann weiterzuvermitteln. Denn einmal werden auch diese Tänzerinnen Nachwuchs haben. So ist das die Fortsetzung einer Reise der Kreativität, des Tanzes, der Musik.
Du hast in den 20 Jahren deiner Tätigkeit immer wieder neue Entwicklungen verfolgt. Wohin, glaubst du, geht die Reise?
Hm, das ist nicht einfach, da ich leider in keine Glaskugel schauen und sagen kann, was wohl kommen wird. Ich schätze aber, dass der orientalische Tanz sich in mehreren Schwerpunkten weiterentwickeln wird, die sich teilweise ja heute schon abzeichnen. Da wäre natürlich einmal der klassische orientalische Tanz, damit verbunden die folkloristischen Tänze aus dem Orient. Dann Tänze, die sich in der letzten Zeit neu etabliert haben, wo z. B. natürlich Tribal dazugehört. Der Tribal hat sich ja auch schon in verschiedene Richtungen entwickelt, die sich teilweise immer weiter vom orientalischen Tanz fortbewegen. Sie sind im weitesten Sinne noch orientalisch, aber wenn wir uns zum Beispiel einmal die klassische ägyptische Musik anhören, dann ist der Tribal doch schon eine ganz andere Tanzsparte und mit dem klassischen orientalischen Tanz eigentlich nicht mehr zu vergleichen.
Ich persönlich bevorzuge klassischen arabischen Tanz, auf der Basis von wunderbaren Musikkomponisten, am liebsten natürlich von alten Komponisten wie Abdel Halim Hafez, Farid el Atrache oder Musik vom Oum Kalthoum usw. Es gibt auch modernere wie Mohammed Mounir, Warda oder Ferouz, die wunderbar schön getragene Musikstücke besingen. Das ist einfach für mich das Schönste, der originale arabische Tanz eben. Ich mag aber auch phantasievolle Tänze, welche die arabische Musik zu Hilfe nehmen, um ihren Tanz damit umzusetzen. Aber dafür muss die Tänzerin auch wirklich tanzen können. Das heißt, wenn sie sich dem arabischen Gefühl hingeben kann – was die arabische Mentalität, die arabische Poesie angeht. Aber gut ist auch, wie schon gesagt, wenn eine Tänzerin ebenso andere Musikrichtungen erlernt und dann mit einbringen kann. Man sollte es nur nicht übertreiben. Hip-Hop zum Beispiel oder Jazz haben nicht mehr viel mit dem klassischen orientalischem Tanz zu tun. Es gibt Fusionen und Experimente, die schön anzuschauen sind, man muss dann aber auch deklarieren, dass es sich dabei um eine Weiterentwicklung oder eine Variation handelt, mit Einflüssen von dieser oder jener Tanzrichtung. Einfach den Stempel „Fusion“ draufzudrücken, ist mir zu abgedroschen. Das Wort ist mir auch zu ungriffig. Fusion als Begriff im eigentlichen Sinne hat mehr mit einer physikalischen Verschmelzung zu tun, aber nicht viel mit einer Tanzrichtung. Da gehört eine bessere Nomenklatur hin.
Tanz an sich ist immer eine wunderschöne Sache, wenn Menschen sich mit Hilfe von Musik und Bewegung ausdrücken wollen, wenn diese richtig betitelt werden kann und man weiß, in welcher Schublade man nachschauen muss. :-)
Gab es für dich Vorbilder im Bereich der Fotografie des orientalischen Tanzes?
Zu Beginn meiner Zeit gab es noch keinen, der sich so besonders darauf spezialisiert hatte. Mittlerweile habe ich Kollegen, die auch gute Bilder machen, wie ich erfreulicherweise erkennen kann. Sie haben auch schöne Ideen und setzen diese um, aber das hat sich erst im Lauf der letzten Zeit entwickelt. Die digitale Fotografie erleichterte diese Entwicklung. „Try and Error“ ist nicht mehr so kostenintensiv wie zur Zeit der analogen Fotografie.
Nun, sei es, dass ein Fotograph diesen Bereich einfach so entdeckt hat oder dass der Freund einer Tänzerin eines Tages nicht mehr nur sie oder ihre Gruppe aufgenommen, sondern seine Liebe zum orientalischen Tanz überhaupt entdeckt hat ... Zu meiner Zeit, wenn ich das mittlerweile sagen darf, gab es so etwas noch überhaupt nicht. Natürlich gab es da Berufsfotografen, die mich mit ihren Ideen und ihrer Technik begeistert haben. Eine ganze Reihe Mode- und Kunstfotografen gehören dazu, wie zum Beispiel David Hamilton oder Jacques Alexandre, die beide sehr verträumte Bilder gemacht haben, von Landschaften und von jungen hübschen Damen. Und diese haben mich zu eigener Kreativität veranlasst, dazu, ähnliche Techniken und Kompositionen fotografisch umzusetzen.
Die Fototechnik hat mich allerdings schon immer begeistert. Mit sieben Jahren habe ich meine erste Kamera von meiner Großmutter geschenkt bekommen, die mir damals zuerst einen teuren Apparat kaufen wollte, ich ihr aber erwiderte: „Bitte kaufe mir noch keinen teuren Fotoapparat, ich komme jetzt erst auch mit einem einfacheren Modell zurecht, später, wenn ich groß bin, kaufe ich mir dann schon eine gute professionelle Kamera!“ Das habe ich irgendwann dann auch getan (lacht). Mit sieben Jahren habe ich das natürlich noch nicht so recht begriffen, aber der Gedanke hat sich wohl in meinem Unterbewusstsein festgesetzt. Mit zehn oder zwölf habe ich dann zum ersten Mal die Kamera von meinem Großvater ausgeliehen, ein altes Agfa-Gerät mit separatem Lichtmesser. Das heißt, die Lichtmenge und die Blende haben sich nicht automatisch eingestellt, diese Parameter mussten separat gemessen werden. Für einen Zehn- oder Zwölfjährigen ist das schon eine ganz schöne technische Leistung. Zuerst habe ich mit Farbe, später dann auch mit Schwarzweiß gearbeitet, einfach nur, um mal andere Formen der Fotografie auszuprobieren. Mit 14 oder 15 habe ich von meinem Onkel die erste Spiegelreflexkamera geliehen bekommen. Eine vollmechanische Kamera, ohne Automatik, man musste viel einstellen, aber das war ja auch eine gute Übung, weil man damit das Bildergebnis viel mehr beeinflussen kann – durch verschiedene Blenden, Belichtungszeiten und Optiken. Kurze Zeit später hat mir ein anderer Onkel alte Kameras zur Reparatur gegeben und so habe ich auch ein Händchen für den inneren Aufbau solcher Apparate bekommen. Wenn ich die repariert hatte, konnte ich sie eine Weile benutzen, bis ich sie wieder zurückgeben musste, mit einem weinenden und einem lachenden Auge, aber sie waren ja nur geliehen und bald bekam ich schon die nächste Kamera zum Instandsetzen und durfte damit arbeiten.
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