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Best of Orient
Waren das noch Zeiten als es nur eine Messe für orientalischen Tanz gab! Die Orienta blühte auf und alle kamen hin. Es war das Treffen der Szene und für Besucher wie Händler das Highlight im Jahr. Dann schossen die Messen wie Pilze aus dem Boden. WoO und Bazar Oriental konnten sich in dem boomenden Geschäft gut etablieren. Austrienta und Oriswiss eroberten Österreich und die Schweiz. Aber in Deutschland gibt es nun viel zu viele Messen. Ich erinnere nur an den Flop der Messe in Neumarkt, viele Händler, aber kaum Besucher und eine Galashow, die auf Volkshochschulniveau geschrumpft war.
Und nach jahrelanger guter Zusammenarbeit von Asmahan el Zein und Nasra, die die WoO gemeinsam aufgebaut und groß haben werden lassen, trennen sich nun die Wege der beiden sehr unterschiedlichen Frauen. Trennungen sind bekanntlich das schwierigste im menschlichen Erfahrungsschatz, was man sich vorstellen kann. Selten laufen sie ohne große Emotionen und menschliche Ausrutscher ab. Asmahan el Zein veranstaltet nun im März die WoO und Nasra versucht eine neue Messe in Hannover mit dem Titel „Best of Orient“ auf die Beine zu stellen. Kann das überhaupt gut gehen? Mit diesen Gedanken und gemischten Gefühlen fahre ich nach Hannover.
Eine internationale Galashow verheißt der erste Abend. Doch der internationale Star, Aida Nur, glänzt mit Abwesenheit. Trotzdem wird es ein toller Abend, ganz im Zeichen des klassischen orientalischen Tanzes und der ägyptischen Folklore. Die Bezeichnung Galashow ist absolut gerechtfertigt, denn die in Deutschland lebenden Stars wie Magdy el Leisy, Ali Sherif, Abeer und Nasra bürgen für Qualität und Authentizität. Hinzu kommen berühmte Tänzerinnen wie Verahzad, Mariam Habib und Shahrazad. Die einzige internationale „Größe“ stellt Yasmin Farrah aus Italien dar, die sich auch als der größte Flop des Abends herausstellen wird.
Galashow
International ist diese Galashow nun gewiss nicht. Aber trotzdem folgt ein Highlight dem anderen.
Der erste Abend entfacht ein Feuerwerk an Dynamik und guter Laune, wozu maßgeblich Magdy El Leisys unermüdlicher Humor beiträgt.
Die Tänze im Einzelnen: Sandra strahlt auf der Basis ihrer guten Estoda-Ausbildung in ihrem braunen Kostüm wie ein Schokotörtchen, gefolgt von einem dynamischen, kraftvollen Hagalla. Funken schlagen von Magdy El Leisys Gruppe mit Izida, Delanna, Nawarin und Magdy selbst sofort auf das Publikum über, das voller Genuss dem Werben der Geschlechter zusieht. Lina, eine junge, schlanke Tänzerin aus Leipzig, begeistert mit Ya Msafer Wahdak jeden. Ihre intensive, elegante Ausstrahlung zeugt von ihrer Liebe zum Tanz. Die tolle Tänzerin geht in die Tiefe der Musik und des Tanzes mit viel Melancholie, erfüllt die Bühne ganz und erreicht jeden emotional im Saal. Surya Gamal tanzt eine Choreografie von Momo Kadous. Sie wirkt angestrengt und hochkonzentriert. Sie hat tänzerisches Potenzial, aber die Ausstrahlung lässt zu wünschen übrig.
Abeer verspricht wieder einen Hochgenuss des klassischen orientalischen Tanzes. In ihre Art, den Baladi zu tanzen, kann man sich hineinfallen lassen und seine wehmütige Ader ausleben. Sie lässt den Zuschauer mitleiden. Ihre kleinen, feinen Bewegungen haben es in sich und lassen niemanden kalt. In einem Bad aus tropfendem Wachs präsentiert Sitaara ihren Leuchtertanz. Ihre schönen weichen Bewegungen passen gut zum Leuchter und zur Musik. Nawarin merkt man beim Iskanderani seine langjährige Ballettausbildung an. In seinem Potpourri aus Fischer und Löffeltanz zeigt er gigantische Sprünge mit katzenhaft sanfter Landung, die einem den Atem stocken lassen.
Mariam Habib würzt ihre klassische Routine mit syrisch-libanesischer Eleganz. Bei ihr stimmt einfach alles. Tolle Technik, tolle Ausstrahlung und Bühnencharisma. Bei Eshta ya Amar und einem atemberaubenden Taksim ist sie völlig in sich versunken, anschließend im Trommelsolo völlig extrovertiert. Sie beweist mal wieder, dass Tanz den befreiten Menschen fordert und die Einheit Seele, Körper und Geist!
Verführerisch und sexy präsentiert sich Izida, die deutsche Meisterin im klassisch orientalischen Tanz. Mit ihrem außergewöhnlichen, eingeölten Body, bei dem sich jeder fragt, wie denn das Oberteil hält, zeigt sie sich urweiblich. Es bleibt kaum Zeit zum Luftholen, denn Delanna verzaubert mich total mit ihrem Voi-Tanz. Ich hatte ihn bisher nur aus der Bühnenperspektive gesehen und bin restlos verzaubert. Magisch, wie die Schleier in immer wieder neuen Variationen und Bildern ihre Bahnen ziehen. Das ist Poesie im Tanz.
Auf den Boden holt uns, Gott sei Dank, wieder Ali Sherif mit seinem kraftvollen, männlichen Stocktanz. Auf diese geballte Männlichkeit treffen nun die Mädels mit der weiblichen Seite dieser Disziplin. Die Spannung entlädt sich in spielerischen Kampfszenen. Als nächstes sehen wir Shahrazad, die Meisterin des Bollywoods und der Inszenierung. Ein Mond mitten auf der Bühne entpuppt sich als Lotusblüte, die nach dem sanften Erblühen, dem wilden Erwachen einem Taifun gleichend eine Tänzerin gebiert, um dann wieder zur Ruhe zu kommen.
Nach der wohlverdienten Pause entführt uns Alis Ensemble mit einem orientalischen Ballett mit türkischen Kostümen wieder in den Orient. In Magdys Zaar-Tanz mischen sich wieder Zaar, Folklore und Tanoura, für mich eine totale Reizüberflutung. Schade, jedes Element wirkt für sich allein spirituell und bereichend, aber als Kombination ist es einfach zu viel.
Mit einem modernen Bollywood mit Heavy-Metal-Teil holt mich Shahrazad wieder aus der kritischen Ecke und lässt mich diesen witzigen, kecken Tanz genießen. Aus Italien kommt nun der Flop des Abends! Darf man das so offen schreiben? Ja, man darf, denn ihr Tanz ist leider keine Offenbarung. Schlecht sitzendes Kostüm, Haarband eine Katastrophe, Technik ohlala und die Ausstrahlung kippt auch noch ständig weg. Wer sich auf der Bühne präsentiert, muss sich auch der Kritik stellen.
Mit seinem Bambuteiya bringt Magdy die Qualität der Show wieder auf Niveau. In einen Sketch eingepackt mit raffinierten Effekten lässt er mich wieder munter werden. Gerade rechtzeitig, um Verahzads Improvisation, anfangs mit Isisschleier, wieder voll genießen zu können. So muss Eva im Paradies ausgesehen haben. Ich kann Adam verstehen ...
Im grün-gelben Minikleid bringt Nasra mit ihrem fröhlichen, jungmädchenhaften Tanz den Saal zum Toben. Diese ausgelassene Stimmung treibt Ali Sherif mit seinem nubischen Tanz auf die Spitze. „So ya so, habibi haba so“ bringt die Stimmung zum Kochen.
Mit „Die Leichtigkeit des Seins“ könnte Shaharzads orientalischer Tanz mit dem Doppelschleier überschrieben sein, einfach nur Wow!!! Mir bleiben die Worte im Halse stecken, obwohl ich in meiner 22-jährigen journalistischen Tätigkeit schon viele Tänze beschrieben habe. Ein Tanz sagt eben mehr als 1.000 Worte. Den Abschluss bildet das Stocktanzfinale von Magdys Gruppe, das mich schon letztes Jahr bei seiner Show restlos begeisterte.
Die Messe
Nachdem ich mit Silvia meinen Stand aufgebaut habe, schaue ich mich mit Erstaunen um. Nasra hat dieselbe Lokalität gewählt, wie die WoO und somit führt der Vergleich zu einem Desaster. Der ganze obere Stock ist leer, im Untergeschoss ist nur die Hälfte belegt und auch im Erdgeschoss sind nur wenige Aussteller zu finden. Ich zähle 13 Händler und keinen mehr.
Im Messebüro erfahre ich, dass Aida Nur wegen mangelnder Beteiligung abgesagt hat. Und nicht nur ihr Workshop fällt aus, sondern auch andere sind betroffen.
Zurück an meinem Stand kommt ein Saalordner auf mich zu: „Igitt, igitt, was soll denn diese Frau da! Packen Sie bitte diese Zeitungen weg!“ Ich erkläre ihm, dass wir immer die neueste Fachzeitschrift auf Messen verkaufen und aus Zufall prangt auf dem Deckblatt zufällig Asmahan el Zein. Unsere Fachzeitschrift ist überregional und unabhängig und hat nichts mit dem Zwist von Nasra und Asmahan el Zein zu tun. Doch dieses Thema überlagert die ganze Messe.
Von Nasra selbst erfahre ich, dass Asmahan Händler sowie Künstler unter Druck setzt, wenn sie bei Nasra aufträten oder ausstellten, bräuchten sie nicht mehr auf der WoO erscheinen. Mehrere Leute erzählen mir, dass sie mit beiden befreundet waren und beiden immer geholfen haben und nun, nur weil sie der einen helfen, nicht mehr zur anderen dürfen. Angesprochen auf das Trauerspiel der Messe, denn auch das Publikum ist sehr überschaubar, meint sie, dass sie sich in Zukunft ganz auf den Tanz und die Künstler konzentrieren und zu der Veranstaltung einige Händler einladen möchte, aber keine Messe mehr veranstalten will. Dies ist die einzige logische Konsequenz aus dieser Messe. Tiefe menschliche Enttäuschung und Wut sind spürbar und ich frage mich, warum Menschen nicht im Guten auseinander gehen können. Warum gibt es nur die eine oder die andere. Wie bei einer Scheidung spaltet sich auch der Freundeskreis. Und für die, die mit beiden befreundet waren, wird jede Begegnung zu einem Eiertanz. Warum kann man sich nicht in gegenseitigem Respekt vor der Persönlichkeit des anderen trennen, ohne Druck auszuüben und dem anderen schaden zu wollen.
Magda Kadous geht sogar noch weiter. Sie sieht dies als Mentalitätsfrage. Deutsche sind geschäftstüchtiger und verlieren dabei oft die Liebe zum Tanz und zur Kultur aus den Augen. Ich erinnere sie daran, dass auch Orientalen mit Trennungen Schwierigkeiten haben. Raqia Hassan zum Beispiel erlebte auch mit der Trennung von Aida Nur und der Gründung des Nilfestivals Ahnliches. Auch kann man geschäftstüchtig sein und die Liebe zum Tanz leben.
Für mich ist es eher das Thema von Trennungen allgemein, das uns Menschen sehr schwer fällt. Verletzte Eitelkeiten, alte, nicht verheilte Wunden und Verletzungen führen ja oft zu einer Art Kriegszustand, der für alle Beteiligten kein Zuckerschlecken ist.
Erinnern wir uns doch alle daran, dass wir ja an einem Strang ziehen und die Liebe zum Tanz und die Präsentation des Tanzes unser Zentrum der Aktivität sein sollten. Nur gegenseitiger Respekt ermöglicht ein konfliktfreies Nebeneinander.
Und gerade in Krisenzeiten wird der zu verteilende Kuchen kleiner. Und dazu gehört auch, dass sich Messen gesundschrumpfen. Zwei Messen in einer Stadt sind einfach zuviel und Nasras Entscheidung, sich ganz auf Veranstaltungen und den klassischen Tanz und die Folklore zu konzentrieren, ist sicher sehr weise.
Abschlussabend im Ouzeri
Als krönenden Abschluss erleben wir einen orientalischen Abend beim voll besetzten Griechen „Ouzeri“ mit einem Showprogramm der Extraklasse. Mokles sorgt mit seiner Tabla für die richtige Stimmung und so erleben wir ein Stück Orient im Okzident und schnell ist der bittere Geschmack der Messe vergessen und wir feiern ausgelassen. Shalimar aus Berlin entpuppt sich als die erste Offenbarung des Abends. Mit ihrem Charme, ihrer Eleganz und unglaublicher Präsenz tanzt sie sich in die Herzen der Zuschauer. Keck, frech und burschikos präsentiert sich die Gruppe Bahra mit einem schwungvollen Fischertanz. Als Höhepunkt des ersten Showblocks zeigt die zierliche Sina ihr Können. Hier merkt man die jahrelange Restauranterfahrung, die im direkten Kontakt der Tänzerin mit dem Publikum entsteht. Tanz einfach zum Anfassen (nicht wörtlich gemeint) schafft doch eine ganz andere Atmosphäre als auf der Bühne und das Publikum, das zum größten Teil aus Laien besteht, ist begeistert. Als nun Mokles noch dazu stößt und Sina live mit der Trommel begleitet, explodiert die Stimmung. Im zweiten Showblock ist Kathrin Mancera die zweite Offenbarung des Abends. Wie eine Dynamitbombe platzt sie in die immer ausgelassenere Stimmung und fesselt alle mit ihrer Power, absoluten Präzision und Tanzkraft. Eine rassige Amazone durch und durch. Für mich sind beide Berliner Frauen unbekannt und eine der Knalleffekt des Abends schlechthin. So unterschiedlich wie ihr Tanzstil, so reißen sie doch alle mit. „Habibi Ya aini“ mit Diane und Schawade lässt die Gemüter des Publikums ein wenig zur Ruhe kommen, um dann bei Sibel Nefa endgültig die Fassung zu verlieren. Der Saal tobt als Sibel virtuos, mit absoluter Präzision ihre Pointen setzt. Auch die schalkhafte und witzige Seite von Sibel wird vom Publikum begeistert aufgenommen. Das delikate Essen rundet diesen gelungenen Abend perfekt ab.
Brigitte Baldinger
Fotos: Lothar Schulz
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